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2020-09-18 bis 23.: Neckarsteig und Variationen

Mitte September 2020, voll in der Corona-Krise, brauche ich mal wieder Urlaub.
Und raus will ich auch mal wieder - war doch die geplante Südfrankreich-Tour mit dem Roller im April ins Corona gefallen (die Krise, nicht das Bier ;) ).

Da ich kaum Zeit habe, eine Mehrtageswanderung zu planen, entscheide ich mich spontan für den Neckarsteig. Dieser führt von Heidelberg nach Bad Wimpfen.

Vor einigen Jahren bin ich mal die erste Etappe von Heidelberg nach Neckargmünd gelaufen. Daher steige ich dieses Jahr ab Neckargmünd ein. Der erste Abschnitt hat es anfangs in sich, da man die sog. Himmelsleiter zum Königstuhl mit über 1.200 Stufen erklettern muss.

Weitere Infos findet man unter: neckarsteig.de

Vorbereitungen

Planung und Technik

Ganz ohne Vorbereitung geht natürlich nix ;)

Packen

Einen Tag vor der Abreise beginne ich zu packen. Die Packliste ist ausgedruckt und jedes Stück wird abgehakt. Am Ende stopfe ich den ganzen Kram in meinen Ortlieb X-Plorer 59l. Das ist eine wasserdichte Packrolle mit Rucksackträgern. Praktisch: wasserdicht. Unpraktisch: keine Fächer.

Auswertungen

Kosten

In den fünf Nächsten (und sechs Tagen) habe ich im Schnitt folgende Kosten je Nacht gehabt:

Wanderstrecken

Datum Strecke Notizen
18.09.2020 29km, 900 HM Neckarsteig Etappe 2 und 3 (Mannheim und Neckargmünd → Hirschhorn)
19.09.2020 10,3km Hirschhorn → Eberbach, am Neckar entlang
20.09.2020 14km Eberbach → Neckargerach, am Neckar entlang
21.09.2020 22km Neckargerach → Haßmersheim, am Neckar entlang
22.09.2020 15km Haßmersheim → Bad Wimpfen, am Neckar entlang
23.09.2020 15km Hirschhorn → Neckarsteinach und Mannheim, am Neckar entlang
Summe 105,3km je Tag im Schnitt: 17,5km

Durschnittsgeschwindigkeiten inkl. Pausen:

Zusammenfassung und abschließende Betrachtung

Der Neckarsteig hat es - wie auch der Rheinsteig - ganz schön in sich. Es geht permanent bergauf (und dann immer quer den Berg rauf) und bergab (ebenso steil herunter).
Das ist anstrengend und belastet die Knie.

Das Zusammenlegen der Etappen Neckargmünd → Neckarsteinach und Neckarsteinach → Hirschhorn war zeitlich logisch, aufgrund der Höhenmeter aber nicht schlau. Meine Knie haben drei Tage lang arge Probleme gemacht. Daher folgten dann auch eher kurze Strecken.

Der Steig selbst (was ich zu sehen bekam) ist wirklich wunderschön. Kleine Pfade durch den Wald, Wurzeln, die zu Tage treten, Laub, Nadeln… einfach sehr natürlich und verträumt.

Als ich dann - wegen der Knieprobleme - auf den Radweg wechselte und direkt am Neckar entlang stapfte, dominierten natürlich Asphaltstrecken. Teilweise richtig langweilige Abschnitte immer geradeaus ohne jede Abwechsung oder Schatten. Der Neckarradweg ist ab ca. Eberbach offen, oft asphaltiert und Schatten ist rar. In die andere Richtung (also von Eberbach Richtung Heidelberg) dominieren Schotterpisten und Wald.

Zum Vorankommen - v.a. bei Schmerzen - ist der Radweg gut geeignet.

Was mir und anderen auffiel: die Städtchen am Neckar sind ganz schön ausgetorben. Kaum Unterkünfte, die noch existieren (das Internet lügt an dieser Stelle gewaltig), kaum Läden, ausgestorbene Stadtkerne… tote Hose.

Dennoch fand ich immer etwas zum Übernachten. Am schönsten gefiel mir der Zwingenbergerhof (ein Naturfreunde Haus). Sehr einfach aber wunderschön gelegen, Sonntags viel los und trotzdem gemütlich. Leider haben die nur Sonntags offen.

Luxus war mein Zimmer in Haßmersheim im Adler. Teuer, aber hervorragend und ein wahnsinns Frühstücksbuffet.

Geheimtipp: Monteurszimmer. Die sind günstig, sauber und stressfrei (Monteuer stehen früh auf und gehen früh ins Bett).

Wandern, alleine unterwegs sein, nur die Verantwortung sich selbst gegenüber und die Reduktion auf Laufen, Essen und Schlafen wirken Wunder für den Kopf und die Seele. Ich kann kaum bei irgendwas anderem so abschalten, wie bei Streckenwanderungen über mehrere Tage. Hammermäßig.

Die Kosten hielten sich noch im Rahmen, aber es ist dennoch erstaunlich, wie teuer Wandern ist. Mit dem Zelt wäre ich günstiger gewesen, aber nochmal mehr Gepäck? Puhh… nein Danke.

A propos Gepäck: ich hatte Klamotten für drei Tage dabei und die habe ich gebraucht. Einmal waschen war genug. Getränke hatte ich zwar immer etwas zu viel dabei (3l Wasser), aber hier konnte ich auch variieren und bin zeitweise mit nur 2l Wasser gestartet. Meine Ernährung bestand aus Kleinigkeiten, die ich am Weg kaufte und sonst v.a. aus meinen mitgebrachten Müsli und der großen Nussmischung. War ideal (für mich) und beides fast leer am Ende.

Einkaufsmöglichkeiten fand ich nur wenige. Klar: in größeren Städtchen gibts auch Supermärkte, aber ich lief auch stundenlang ohne die Möglichkeit irgendwas zu kaufen. Eben auch, weil die Dörfchen aussterben und außer hin und wieder einer Kneipe nicht mal Tankstellen verfügbar sind.

Einmal Wechselklamotte (die „Ausgehuniform“) war super - konnte ich doch Abends in frischen Sachen durch das Dörfchen laufen. Das zweite Fleece hätte ich nicht gebraucht. Regenklamotten blieben komplett unbenutzt. Wanderstöcke sind super und werde ich nicht mehr daheim lassen. Sei es wegen meinen Knien oder auch nicht - an Steigungen und Gefällen sind die Dinger einfach saupraktisch.

Unterwegs waren unendlich viele Radler, zu 99% mit eBikes. Wanderer habe ich nur sehr selten getroffen. Das waren fast ausschließlich Tageswanderer.

Ich vermisse jetzt schon den schönen Moment mit dem schweren Rucksack auf die Straße zu treten und ins Ungewisse zu laufen. Schön war es. Hammerschön! Geht raus, Leute!

Etappen

18.09.2020: Etappe 2 und 3

Der frühe Vogel und so weiter… jedenfalls stehe ich um kurz nach 5 Uhr auf, trinke ein Käffchen, packe den Rest zusammen und setze Linus, meinen Kater, nochmal in den Garten.

Um halb acht gehts dann los. Die ersten knappen 3km führen mich zur S-Bahn-Station Seckenheim-Hochstätt. 25min Fahrt später steige ich in Neckargmünd aus und laufe schwer bepackt los. 15kg habe ich ungefähr auf dem Rücken. Davon alleine ca. 4,5kg Wasser und Essen.

In Neckargmünd, dort steige ich 8:40 Uhr aus, treffe ich nach ein paar hundert Metern auf das erste Schild des Neckarsteigs. Ich starte heute ja mit der offiziell zweiten Etappe. Die erste von Heidelberg nach Neckargmünd lief ich vor ein paar Jahren. Daher setze ich hier meinen Weg fort.

9,5km bis Dislberg. Und 350 Höhenmeter. Was man am Steig hochgeht, geht man wieder runter, da das Etappenende immer am Neckar liegt.

Direkt in Neckargmünd erwarten mich viele Treppenstufen. Die letzte Treppe zieht sich gewaltig und am Ende der endlos vielen Stufen stehe ich im Wald.

Der Neckarsteig ziert sich nicht großartig und setzt die Treppe fort - nur eben ohne Stufen. Aber schön steil quer den Berg hinauf.

Nach wenigen Meter rinnt mir der Schweiß aus allen Poren, aber die Vögel zwitschern, der Wind rauscht in den Blättern und meine Füße stampfen stumpf auf den Waldboden.

Die Steigung zieht sich. Ich quere gemütliche Waldwege, aber der Neckarsteig geht da gerade den Berg hinauf und lässt mich Höhenmeter fressen.

Ich erreiche ein kleines Stück Weg, das fast eben verläuft und entspanne beim Weiterwandern. Aber kurz darauf zweigt der Steig nach links den Berg hinunter. Ich muss mich später noch öfter daran gewöhnen. Höhenmeter, die man sich eben noch mühsam erkämpfte, verpuffen kurz danach, da es dann wieder steil bergab geht. Es ist halt ein Steig

Zum Glück hat der Odenwaldklub eine Liegebank hier in den Hang gebaut und dort verbringe ich meine erste Pause. Blick nach Neckarsteinach, dem Ziel der zweiten Etappe. Dazwischen liegt noch der Dielsberg.
Ich mampfe ein paar Nüsse und trinke mit gierigen Schlucken das leckere Wasser.

Nun folge ich dem Weg wirklich immer weiter bergab und sehe plötzlich den Dilsberg zwischen den Bäumen durchscheinen. Da muss ich hoch. Und zwischen mir und dem Ziel liegt ein Tal. Da weiß ich, was mich erwartet…

&direct

Am tiefsten Punkt zwischen den beiden Bergen fließt ein rauschendes Bächlein über unzählige Felsen. Eine kleine, schmale Brücke ermöglicht den Weg darüber. Traumhaft. Aber danach - wer hats anders erwartet - gehts steil den Berg hinauf.

Um 11 Uhr erreiche ich die alte Feste Dilsberg und klettere den steilen Kopfsteinpflasterweg hinauf zur Chocolattierie. Aber leider öffnet diese erst um 13 Uhr. Also mache ich eine kleine Pause und laufe dann weiter zur Kirche. Innen ist es muffig, riecht angenehm nach altem Keller. Sie ist schön eingerichtet und der Lärm bleibt Außen.

Ich laufe über den Friedhof und sehe unter mir Neckarsteinach. Da muss ich runter.

Noch ein paar Meter durch die wunderschöne Altstadt und schon stehe ich wieder im Wald und kraxel diesen hinab.

Der Neckarsteig wird dominiert von kleinen Waldpfaden und verträumten Wegen, umsäumt von Laubwald, durch den heute die Sonne verschmitzt ihre Strahlen auf mich wirft. Tolles Wetter, wunderschöne Pfade. Aber eben hoch, runter, hoch, runter und immer möglichst direkt.

Eine Stunde nach Erreichen des Dilsbergs laufe ich schon über die Fußgängerbrücke des Neckarkraftwerks und stehe am Rande von Neckarsteinach. Erst vor kurzem war ich mit Sina hier.. Ich träume von einem Stück Käsekuchen und einem Kaffee, aber mich mahnt die Uhr. Hier ist zwar das Ende der zweiten Etappe, aber ich will die dritte heute auch noch schaffen. Von Neckarsteinach mit einer großen Schleife über den Goetheblick nach Hirschhorn. Das sind weitere 16,5km und ca. 550m Höhenmeter hinauf und wieder hinab.

Aber eine kurze Pause gönne ich mir gerne: an einer Stelle kann ich bequem an den Neckar, lasse die Füße ins Wasser baumeln und genieße die Freiheit und die Umgebung.

Neben mir liegt eine vertrocknete, rote Rose. Welch tragische Liebesgeschichte diese wohl erzählen kann?

Bald packe ich zusammen und schultere erneut den Rucksack. Nun folgt eine nicht so schöne Episode: der Neckarsteig muss - damit er als besonders schöner Weg gelistet werden kann - möglichst wenig an Straßen entlang laufen (und weitere Bedingungen erfüllen). Also wurde eine große Schleife eingeplant, die mich fast bis zur Burgruine Schwalbennest bringt, dort den Berg steil hinauf, um nach kurzer Zeit direkt wieder zurück nach Neckarsteinach zu führen. Bergab natürlich. Statt 500m durchs Dorf lieber mal 2km mit Schleifchen und hoch und wieder runter in den Wald.

Na gut, ich bin ja tough und marschiere nun durch das Dörfchen über Treppen hinauf, hinauf und noch weiter nach oben, bis ich nach einem abartig steilen Anstieg schon weit über Neckarsteinach stehe. Dort ist eine weitere Liegebank aufgebaut, auf der ich kurz verschnaufe. Dann gehts schon weiter wieder steil, noch steiler den Berg hinauf.

Ab hier schaue ich nun vorab ins Smartphone und prüfe, ob der Neckarsteig sinnfreie Schleifen dreht. Mein linkes Knie, ich habe dort eine irreparable Verletzung, meldet sich deutlich. Das will keine Steigungen mehr. Aber die große Schleife zum Goetheblick nehme ich gerne in Kauf. Erwartet mich doch eine fantastische Aussicht.

Tatsächlich erreiche ich so um 13:40 Uhr herum besagten Blick. Zwei Bänke laden zum Verweilen ein. Zwei Wanderer sind auch schon da. Wir quatschen ein wenig mit einander und ich trinke Wasser, esse meinen ersten Müsliriegel und knurpse das mit Schokostreuseln verfeinerte Müsli. Unter mir sehe ich den Dilsberg (ja, unter!) und die Kirche, in der ich knapp drei Stunden zuvor noch stand. Links davon und noch viel tiefer Neckarsteinach. Sogar die Brücke sehe ich, über die ich wanderte.

Lustig: die Schleife zum Goetheblick geht genau in die entgegengesetzte Richtung von Hirschhorn. Ist halt so. Lohnt sich aber.

Leider tut mein Knie nun richtig weh und im Kopf gehe ich schon Möglichkeiten durch, hier den Tag abzubrechen. Keine Chance. Außer dem Abstieg zurück nach Neckarsteinach. „Niemals!“ denke ich.

Die beiden Wanderer setzen ihren Weg fort (aber ich treffe sie später kurz vor Hirschhorn wieder), vier neue Wanderer kommen dazu. Wieder ein Schwätzchen, Fotos machen und bald schultere ich den Rucksacke und mache die Wanderstöcke einsatzbereit. A propos: ohne Wanderstöcke keine Chance! Die Dinger lasse ich nie mehr zu Hause.

Nun soll der Weg eher gemäßigt langsam bergab führen. Das tut er auch. Aber mein Knie streikt. So richtig. Mitunter schaffe ich keinen Schritt ohne starke Schmerzen. Erst durch den Einwurf einer Ibuprophen kann ich es überzeugen, dass ich es nicht hierlassen kann. 600mg Ibu und 20min später und das Gehen geht wieder.

Zeitweise war ich wieder mal rückwärts gelaufen - da tuts nicht weh.

Mit der Ibu im Magen und den Naturgeräuschen um mich herum, macht es viel Spaß unterwegs zu sein. Hier laufe ich viel auf Schotterwegen, dichter Wald um mich herum und nichts zu hören, außer das Rascheln der Blätter im Wind, zwitschernde Vögel und das Knirschen meiner Sohlen auf dem Schotter. Herrlich.

Ab und an passiere ich eine Quelle und trinke gierig das kühle Wasser. Ich komme an einem Baumhauscamp vorbei und dem Roten Bild.

Selten trickse ich etwas und laufe nicht dem Zeichen des Neckarsteigs hinter her. Zieht dieser doch steil den Berg hinauf, um wenige hundert Meter später wieder auf meinem Weg zu landen. Mein Knie dankt es mir. Braves Knie.

Dann beginnt der lange serpentienenreiche Abstieg nach Hirschhorn. Das letzte Stückchen ist so dermaßen steil, dass nun beide Knie um Gnade winseln. Ich erhöre und laufe wieder rückwärts. Und hier treffe ich die beiden Wanderer vom Goetheblick wieder. Sie sammeln Eicheln und sagen, das seien Haselnüsse. Etwas verwirrt wünsche ich guten Appetit und sie mir alles Gute für die Knie. Dann schleiche ich weiter.

Bald erreiche ich den Bahnhof Neckargmünd, unterquere die Gleise und gelange in die Altstadt. Hier suche ich nach einem Zimmer, aber irgendwie klappt das nicht. Die Hotels haben zu oder sind ausgebucht. Irgendwann treffe ich auf einen sehr netten Anwohner, der mich nicht nur mit frischem Wasser versorgt, sondern zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern in der Gegend herum telefoniert. Viele Pensionen haben dicht gemacht, ein Teil der Hotels ebenso oder die Betreiber machen Urlaub. Nix zu wohnen?

Doch mich befällt diese entspannte Ruhe und tief im Innern weiß ich: es wird sich was ergeben.

Zuerst hagelt es aber weitere Absagen und der nette Mann schaut schon, wie ich ins 5km entfernte Nachbardorf komme, denn dort gibt es ein Hotel mit Platz für mich. Da endlich erreiche ich eine sehr nette Dame mit Monteurszimmern - und die sagt nur „Heija, kommense vorbei…“. Schnell verabschiede ich mich von meinen netten Helfern und trabe 10min bis zur Pension.

Hier angekommen werde ich herzlich begrüßt und bekomme ein kleines, einfaches Zimmer. Ich bin alleine heute Nacht. Wunderbar. Für 25€ kann ich so viel Kaffee machen, wie ich will, hier übernachten und - ganz wichtig - erstmal duschen.

Nun sitze ich hier und tippe, der Magen knurrt. Also werde ich gleich noch in ein nahes Restaurant laufen.

Ein bisschen stolz bin ich schon: 26km, ca. 900 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Ok, das Knie ist nicht erfreut und machte das auch sehr deutlich. So deutlich, dass ich Morgen wohl den Steig verlasse und knieschondere Wege gehen werde. Ein Abbruch? Nein. Doof, dass es nicht klappt? Auch nicht. Ist doch wunderbar. Natur, Wald und wenn das Knie nicht mehr will, dann machen wir es halt anders.

Schön hier zu sein. Schön, dass Du mitliest.

Guten Abend.

Gewanderte Strecke
Von Neckargmünd dem Neckarsteig folgend über den Dilsberg nach Neckarsteinach (Etappe 2). Von Neckarsteig zum Goetheblick und weiter nach Hirschhorn (Etappe 3).

26km, 950HM

19.09.2020: Tschüss Neckarsteig - Willkommen Neckar

Die Nacht war etwas unruhig. Das mag an den Güterzügen gelegen haben, die durch mein Zimmer fuhren ;) Ein paar hundert Meter entfernt führen die Bahngleise vorbei. Aber ich habe gut geschlafen und stand erst gegen 7 Uhr auf. Rekord für mich - sonst stehe ich um 5 Uhr auf!

Nach gefühlt zwei Dutzend Kaffee - ich lasse natürlich ein paar Euro da, damit ich die Kaffee-Flatrate nicht überreitze - und ein bisserl Wurschtelei am Netbook, starte ich um kurz nach Neun. Es geht immer am Neckar entlang Richtung Eberbach. Die Knie (ja, beide) melden sich sofort und meckern. Aber mit regelmäßigen Pausen an jeder Bank belohne ich die beiden und nach einiger Zeit lassen die Schmerzen nach.

Die Strecke ist quasi topfeben, links liegt der Neckar und fließt gemächlich in die entgegengesetzte Richtung. Ab und an tuckert ein Binnenschiff vorbei oder ein Angler brummt mit seiner Nusschale den Fluss hinauf. Zahlreiche Radfaher überholen mich oder begegnen mir. Klar, laufe ich doch auf dem Neckarradweg. Diesen bin ich selbst vor ein paar Jahren mal von Stuttgart nach Hirschhorn gefahren. Altbekanntes Terrain theoretisch, aber damals regnete es und ich hatte den Tunnelblick drauf.

So entdecke ich vieles neu oder gar zum ersten mal. Durch meinen sehr langsamen Gang (ich schleiche, damit die Knie nicht schimpfen) kann ich die Umgebung wahr nehmen, sehe Kraniche über den Fluss dahinziehen, Wespen und Hornissen, die sich an Fallobst laben, Steinbrüche und naturbelassene Einschnitte in den Berg, in dem sich Totholz aufeinander schichtet und bewuchert wird von zahlreichen Pflanzen. Traumhaft. Die Sonne guckt fast ein wenig verschämt durch das dichte Blattwerk und bestrahlt hin und wieder einen verwunschenen Fleck im Wald.

Nach einiger Zeit habe ich Lust auf Musik und stöpsel die Kopfhörer ein. Bei entspannender Musik - ich höre armenische Volksmusik von System of a down - gehe ich mit kleinen Schritten meinem Ziel entgegen.

Es ist so idyllisch und so schön allein und unanbhängig zu Fuß unterwegs zu sein, dass ich hin und wieder vor Glücksgefühlen laut auflachen muss. Sehr zur Verwunderung der Radler. Ist mir aber egal, denn mir gehts ja prächtig.

Plötzlich reiten mir zwei Reiterinnen ohne Sattel entgegen. Das sieht bequem und knieschonen aus. Später kommt mir noch eine Kutsche entgegen. Und zwischendurch sehe ich immer wieder Koppeln und Ställe. Hätte nicht gedacht, dass hier so viele Pferde unterwegs sind…

Bislang verlief die Strecke angenehm im Schatten und nach einer Pause mit Nüssen auf einer Bank kommt nur der sonnige Teil des Weges. Es ist gut warm, die Sonne lacht und ich schwitze. An zahlreiche Steinbrüchen vorbei kommend, lese ich die dort angebrachten Schilder und lerne ein wenig über die früheren Steinbrüche hier. Wie schwer die Arbeit war, wie schlecht bezahlt und dass ca. 20% des Lohns für Alkohol drauf ging.

Säurewannen wurden hier gebaut, weil der Sandstein eine sehr gute Qualität hat. In der BASF wurden die Teile dann mit Teer und Gewindestangen verbunden. Spannend…

Heute ist da natürlich nichts mehr los und außer radelnden Touristen, ein paar Joggern und meiner Wenigkeit, treiben sich hier nur die Insekten und Kraniche herum.
Und ein Spatz, der mir vorhin bei einer Pause ein Liedchen pfiff.

Gegen 12 Uhr erreiche ich ein erstes Dörfchen, wage mich hinein und finde eine öffentliche Toilette. Juhuuu! Händewaschen! Aber ich bezahle diesen Luxus mit gemeinen Steigungen weit hoch über den Neckar. Die Knie schreien so laut, dass die Anwohner schon ganz böse gucken ;)

Ich gelange schleichend langsam und mit Stockeinsatz wieder an den Fluss und nun sind es nur noch zwei Kilometer bis Eberbach, welches ich um 13 Uhr erreiche. Auf einer Bank im Schatten sitzend telefoniere ich Hotels und Pensionen ab. Schließendlich werde ich fündig. Der Gasthof zur Linde hat ein Zimmer frei. Dafür liegt er auf der anderen Flussseite (von der Altstadt aus gesehen) und auch noch am Berg. Also klettere ich Treppen und Steigungen hinauf, die Knie meckern und ich meckere zurück. Und dann stehe ich schon gegen 14 Uhr vor dem Gasthof.

Einfach, nett und schöne Zimmer. Für nur 37,50€ kann ich hier übernachten. Ich dusche, wasche meine stinkigen Klamotten mit der Hand und hänge sie an der Wäschspinne des Gasthofs auf.

Nun ist es kurz nach 15 Uhr und ich beende den Blogbeitrag. Anschließend werde ich mit leichtem Gepäck und frischen Klamotten nach Eberbach schleichen (bergab! BERGAB! AUA!) und einen Supermarkt plündern und hoffentlich einen Pott Kaffee konsumieren können.

Es war eine sehr gute Entscheidung heute den flachen Weg am Neckar entlang zu nehmen. Wenn ich Morgen wieder die fache Strecke wähle, sind die Knie vielleicht schon wieder entspannt. Schauen wir mal.

Es ist jedenfalls wunderschön hier, das Wandern tut mir gut und die Freiheit, Selbstverantwortung und Unabhängigkeit gefallen mir ja eh am besten.

Guten Nachmittag.

Update

Bewaffnet mit den Wanderstöcken klettere ich langsam, sehr langsam, den steilen Hügel hinunter Richtung Neckarbrücke. An einer besonders steilen Stelle gehe ich wieder mal rückwärts, was lustige Fragen eines Anwohners hervorruft: „Vorwärtsgang nicht gefunden?“ schallt es herüber. Ich antworte: „Nö, Knie kaputt.“. „Oh, so jung und schon kaputt?“, kommt die Gegenfrage auf die ich mit einem „Na klar.“ antworte. Grinsend gehe ich weiter rückwärts um die Kurve und erreiche schon die Brücke.

Eberbach ist… ist… sehr leer. Nix los. Ein paar Bierkneipen haben offen und zeigen irgendwelche Fußballspiele. Sonst ist tote Hose. Alle Läden sind geschlossen, die geöffneten Lokale und Restaurants sind quasi nicht besucht.

Ich schlendere zum Bahnhof, gehe kurz shoppen und kaufe dann in einer sehr netten Konditorei ein Flammendes Herz. Der Konditormeister ist steinalt, trägt einen langen, weißen Bart und eine Nickelbrille. Er erinnert mich ein bisschen an einen Zauberer oder Peter Lustig in alt.

Seine Kuchen sehen unglaublich hammermäßig aus, es gibt 40 verschiedene Trüffel aus eigener Herstellung. Bei jedem Stück Kuchen, das gekauft werden will, holt er einen frischen Kuchen aus der Küche und schneidet diesen an. Zwei Kunden vor mir kaufen sechs große Stücke Kuchen, eine Flasche Wasser, zwei Croissants und noch einigen Kleinkram und zahlen unglaublich günstige 13 Euro.

Hammer! Leider hat das Cafe coronabedingt zu, sonst hätte ich ein bisschen was probiert.

So ziehe ich weiter und kehre am Ende in einer lustigen Bar ein. Draußen auf der Straße sitzend trinke ich zwei alkoholfreie Weizen (lecker), lese im Internet herum und schaue meinen morgigen Weg an. An Straßen wird er mich entlang führen. Aber die Berge nuff… ne… die Knie sagen „Du kannst uns mal…“. Darauf will ich hören.

Der Weg zurück zum Gasthof - natürlich steil der Berg hinauf - gehe ich teilweise rückwärts. Aber die Schmerzen lassen nach. Morgen kann ich wieder den Mount Everest besteigen ;-)

Gewanderte Strecke
Von Hirschhorn immer am Neckar entlang nach Neckargerach.

10km

20.09.2020: Gegen den Strom - Neckaraufwärts voran

Um halb sieben wache ich gut ausgeschlafen auf. Unglaublich, wie lange ich im Urlaub schlafen kann. In einer Stunde soll es Frühstück geben. Daher gehe ich erstmal duschen, packe schonmal zusammen und lese noch ein paar Seiten in meinem eBook-Reader (die Hornblower-Reihe).

Das Frühstück ist gewaltig. Vier Brötchen kommen an meinen Tisch. Dazu zwei Marmeladen, vier Sorten Wurst und einen Haufen Käse, Frischkäse, ein Ei und einen Melonenbecher, eine Schüssel Obst, Kaffee und Orangensaft. Ich schaue mich um, wer das alles essen soll, aber nur ich bin hier. Also stürze ich mich auf die leckeren Speisen.

Ein Brötchen mache ich mir für unterwegs fertig und um kurz vor neun Uhr verabschiede ich mich von meinen Gastgebern. Meine Knie sind völlig entspannt heute Morgen und tun kein bisschen weh. Trotzdem passe ich auf, benutze die Wanderstöcke und gehe bei jeder Steigung - und schlimmer - bei jedem Gefälle rückwärts.

Mit großen Schritten (im Gegensatz zu den Trippelschritten gestern) gehts nun entlang einer Straße Richtung Rockenau. Geiler Name, kleines Örtchen. Kurz vor Rockenau treffe ich auf eine Gruppe Pfadfinderinnen, die im Schatten auf einer Bank an einem Parkplatz Frühstücken. Keine 30m weiter setze ich mich auf eine sehr einladende Bank in der Sonne und genieße die Aussicht auf den gemächlich fließenden Neckar. Ruderer kommen vorbei und werden von einem Motorboot begleitet. Eine ältere Dame gießt die Pflanzen in ihrem Garten und ich entdecke einen kleinen Pfad direkt am Neckar. Diesen wähle ich nun statt der Straße. Hinter schönen Häusern und deren Gärten vorbei treffe ich Schwäne, die mich mit ausgebreiteten Flügeln beäugen. Mit respektvollem Abstand passiere ich die hübschen Kameraden und werde von einem Ehepaar begrüßt, das auf dem Balkon mit Neckarblick sein Frühstück einnimmt.

Nach einigen hundert Meter wechsel ich wieder an die Straße. Glücklicherweise endet sie schon bald an einem Neckarkraftwerk. Hier wechselt der Neckarsteig die Flussseite. Ich bleibe meiner Seite treu und bewege mich nach wie vor auf dem Radweg weiter Richtung Bad Wimpfen.

Inzwischen höre ich Thomas D (den von den Fantastischen Vier) und bei seiner recht coolen Musik kribbelt es überall auf meiner Haut. Der Weg ist geschottert und führt durch den Wald. Sehr schön ist es hier.

Irgendwann verlasse ich den Wald und laufe in der Sonne Richtung Zwingenberg. Kurz vor dem Örtchen liegt der Zwingenberger Hof, ein Naturfreunde Haus. Das sieht so einladend aus… ich erstehe dort ein Eis und einen Kaffee und setze mich an den Radweg. Ein paar Radler sind auch da und weil ich nicht genau weiß, welche Flussseite besser für flaches Wandern ist, frage ich die Damen und Herren. Sie geben mir den Tipp, die Flussseite zu wechseln.

Vor lauter Freude über diese Info werfe ich erstmal meinen Kaffee um. Aber ein netter, älterer Herr des Hauses putzt die Reste weg und besorgt mir kostenlos Ersatz. Danke dafür.

Nach einiger Zeit packe ich zusammen, wechsel über die Hängebrücke die Flussseite und spaziere nun entlang der Bundesstraße. Dank meiner Navi-App finde ich einen Trampelpfad näher am Fluss und etwas weg von der Straße. Dieser trifft später wieder auf die stark befahrene Bundesstraße 37 und auf ihr gelange ich - den letzten Kilometer rückwärts gehend - nach Neckargerach. Mein rechtes Knie (ja, nicht das kaputte Linke) tut weh. An einem Bouleplatz setze ich mich hin und pausiere. In Neckargerach soll es ein Cafe geben (geschlossen) und einen Gasthof mit Zimmern. Als ich dort ankomme, sind alle Zimmer belegt. Ein Kännchen Kaffee gönne ich mir dennoch und beschließe den Zwingenberger Hof anzurufen. Dort saß ich ja vorhin und Zimmer haben die auch.

„Das Haus ist leer. Eine Gruppe hat coronabedingt abgesagt.“ erklärt mir der nette Mann am Telefon und schon suche ich die nächste S-Bahn nach Zwingenberg heraus. Da sie schon bald fahren soll, stapfe ich den Berg hinauf zur S-Bahn-Haltestelle. Das Knie tut weh.

Nur drei Minuten dauert die Fahrt mit der Bahn. Mit Schmerzen und wieder teilweise rückwärts laufend gelange ich zum Hof, checke ein und gehe duschen.

Anschließend genieße ich kühles, alkoholfreies Weizen, Kaffee und ein Schmalzbrot. Viele, unzählig viele Radler sind hier. Es ist viel los, aber ich freue mich, bin glücklich so schöne Wanderungen machen zu können und entspanne.

Heute habe ich beim Wandern viel nachgedacht, war auf Entdeckungsreise zu mir selbst. Genau das ist es, was Wandern alleine so schön macht. Diese Zeit nachzudenken, die Bewegung, die das Denken anregt und die schöne Natur… alles ist so, wie es sein soll. Denke ich mir. Das ist ein schönes Gefühl. Ich bin fröhlich, singe im Kopf so manches Lied mit (nicht laut, will ja niemanden erschrecken) und zwischendurch - nicht weitersagen - tanze ich sogar ein bisschen für mich selbst. Hat keiner gesehen…

Gerade ziehen Zimmernachbarn ein, also ist das Haus doch nicht ganz leer. Noch eine halbe Stunde kann ich was zu essen bestellen. Ich denke, ich schaue mal, ob ich noch Hunger habe.

Ein schöner, weiterer Tag am Neckar geht zu Ende. Auch wenn die Knie nicht so richtig wollen - heute waren sie schon viel, viel besser drauf, als gestern noch. Ist das nicht schön?

Dass ich heute nur ca. vier Stunden gewandert bin… sei es halt so. Besser, als nur zwei Stunden :)

Und ca. 13km habe ich heute auch geschafft.

Morgen gehts weiter Richtung Bad Wimpfen. Mal sehen, wie weit mich die Knie tragen wollen. Ich bin gespannt und freue mich drauf…

Gewanderte Strecke
Von Neckargerach nach Eberbach.

14km

21.09.2020: Sonne, Asphalt und Kilometer

Früh wache ich auf. Also eigentlich mehrfach. Die Zimmernachbarn, zwei Freunde, die den Neckar abwärts radeln, sind unruhig. Aber mich stört das nicht besonders, ich wache kurz auf und schlafe wieder ein.

Gestern Abend haben wir noch ein bisschen gequatscht. Lustige Kerls, die Frauen sind zu Hause und ein dicker und ein sportlicher Mann strampeln sich gen Mannheim. Wie weit sie kommen wollen, ist nicht ausgemacht. Hauptsache radeln und nicht übertreiben.

Um 5 Uhr bin ich wach. Fast höre ich meinen Kater maunzen - ist das doch seine „Gib mir Essen“-Zeit. Ich bleibe noch liegen, lese meine tollen Hornblower-Romane und beginne erst nach sieben mit dem Zusammenpacken. Heute gibt es kein Frühstück, keinen Kaffee, nur Wasser, Müsli und Nüsse. Auch gut.

Um kurz vor acht starte ich und laufe über die Hängebrücke von gestern wieder zum S-Bahnhof. Kurz darauf kommt meine Bahn und bringt mich binnen drei Minuten nach Neckargerach. Da hatte ich ja gestern aufgehört.

Meine Knie sind ganz arg leise und machen keinen Mucks. Gut so. Trotzdem gehe ich vorsichthalber starke Gefälle rückwärts.

Eigentlich suche ich ja nach Kaffee… das Bild einer dampfenden Tasse rehbrauner Köstlichkeit begleitet mich den ganzen Tag. Ich werde einfach nicht fündig.

Doch zuerst überquere ich wieder den Neckar. Linksseitig (in Fließrichtung) wandere ich den Neckar aufwärts. Der Weg in Neckargerach ist schön, führt durch Wiesen, Wald und die Sonne steigt langsam über die Berge. Wieder passiere ich ein Wasserkraftwerk. Hier zweigt der Neckarsteig ab, aber ich lasse ihn links liegen.

Flach soll es heute wegen der Knie wieder sein. Und das geht gut. Der Weg ist jetzt zwar noch geschottert, aber den Großteil des heutigen Tages marschiere ich auf asphaltierter Piste. So früh ist noch niemand unterwegs und Thomas D (ja, der wieder), Käptn Peng und der geniale Soundtrack von The Crow begleiten mich. Die Straße ist nah, da höre ich lieber gute Musik als Autos.

Eine große Schleife bei Blinau nehme ich zu Fuß mit und bei jedem Anzeichen von Zivilisation denke ich an Kaffee. Aber nichts hat offen.

Obrigheim, da wo ein Kernkraftwerk steht, kommt näher. Ich wandere an einem Fussballplatz vorbei und mache Pause in dem Häuschen, in dem normalerweise die Trainer sitzen. Dann gehts am Kernkraftwerk entlang mit all seinen Zäunen, Kameras, Strahlern (ich meine das Licht) und wuchtigen Gebäuden. Das Örtchen selbst ist etwas weiter vom Fluss weg erbaut worden und so laufe ich auf Feldwegen daran vorbei.

Dann kommt die erste Brücke rüber auf die andere Seite - nach Neckarelz. Ich überlege kurz, bleibe aber auf dieser Seite. Und so schleiche ich durch kilometerlange Gewerbegebiete, die Sonne heitzt mich auf, der Asphalt glüht schon fast und es ist echt eine Anstrengung weiter zu laufen.

Aber meine Knie sind total cool drauf und machen keinerlei Probleme. Bewusst habe ich heute die Stöcke nicht im Einsatz. Ob das hilft oder nicht, weiß ich nicht. Aber es tut gut, mal ohne das Geklapper zu wandern. Nur an steilen Steigungen (oder Gefälle) nehme ich die Wanderstöcke zu Hilfe. Und da helfen sie echt gut.

Hinter Obrigheim kommt für wenige Meter ein schattiger Abschnitt, dann tritt der Weg wieder in die Sonne. Hochheim folgt und ich laufe eine Schleife am Schützenhaus vorbei. Ab hier kommt mir die Strecke sehr bekannt vor. Und da fällt mir ein, dass ich vor vielen Jahren mal mit dem Radl spontan von Mannheim nach Heilbronn gefahren bin. Genau an der gleichen Stelle wie damals, lasse ich mich heute unter einem Walnussbaum ins Gras fallen und lege den Kopf auf meinen Rucksack.

Jetzt ist es nicht mehr so weit nach Haßmersheim und ich beginne mit der Suche nach einem Quartier. Erster Anruf: ausgebucht. Zweiter Anruf: Zimmer frei :) Ich buche und mache mich wieder auf den Weg.

Haßmersheim zieht sich ganz schön lang und zuerst kommt ein riesiges Gewerbegebiet. Da ich unbedingt den THW Ortsverband Haßmersheim sehen möchte, muss ich viele hundert Meter an einer Bundesstraße ohne Gehweg laufen - auf dem Seitengrün. Ich verfluche den Ort, meckere regelrecht. Und dann muss ich lachen, weil ich doch selbst Schuld bin. Nach dem Fotos vom THW und einer entsprechenden Rätselfrage in die THW-Gruppe („Wo ist dieser OV?“) finde ich einen Supermarkt mit Kaffeeautomaten. Wow! Über sechs Stunden war ich unterwegs und finde endlich Kaffee. Umso besser schmeckt er. Kurz checken wo ich bin. Jetzt sind es nur noch ein paar Hundert Meter und ich sollte zu den Gaststätten kommen. Aber alle haben zu. Eine einzige bietet einen Sitzplatz mit einem Getränkeautomaten, aus dem ich mir eine sündhaft teure Apfelschorle ziehe.

Mein Zimmer kann erst um 16 Uhr bezogen werden, dennoch stapfe ich zum Gasthof, setze mich dort auf eine gemütliche Bank auf der Terasse und lese. Als es kurz nach vier ist, öffnet die Wirtin ihr Gasthaus und ich kann mein Luxus-Zimmer beziehen. Deutlich teurer, als die Unterkünfte zuvor, aber echt schön und mit Balkon. Der Metzger mit eigener Schlachtung ist um die Ecke und ich decke mich mit Leckereien ein, die ich gierig auf dem Balkon verschlinge. Nach dem Duschen natürlich.

Dann zieht es mich zurück zur Gastwirtschaft und ich bestelle ein alkoholfreies Weizen und ein Kännchen Kaffee. Der gemütliche Biergarten füllt sich recht schnell und als alle um mich herum Essen bestellen, trete ich den Rückzug an.

So gestärkt kann ich den Blogbeitrag erstellen.

Heute war die Wanderung durchwachsen: schön ist, dass meine Knie über sechs Stunden ohne Schmerzen durchgehalten haben. Weniger schön war der asphaltierte Weg, der fehlende Schatten und die vielen Kilometer an Straßen entlang. Trotzdem zeigte sich der Neckar immer wieder von seinen schönen Seiten und nach wie vor macht es Spaß, einfach unterwegs zu sein. Routine stellt sich ein. Laufen, Essen, Schlafen. Und wieder von vorne.

Morgen kann ich wohl Bad Wimpfen erreichen, dem Ziel des Neckarsteigs. Mal sehen, was ich dann mache. Einen Tag hätte ich noch übrig…

Ein Gedanke zum Schluss über verpasste Möglichkeiten: die Angst höflich abgewiesen zu werden und das Gefühl, in die Privatssphäre anderer Menschen einzudringen rauben mir evt. die Möglichkeit auf einen netten Plausch. Das ist total bekloppt. Das gehört geändert.

Guten Abend.

Update:
Ich habe es geändert und mich sehr gut mit einer anderen Wanderin unterhalten.

Gute Nacht.

Gewanderte Strecke
Von Neckargerach nach Haßmersheim.

22km

22.09.2020: Zielgeraden - Letzte Kilometer nach Bad Wimpfen

Hach… so gut geschlafen. Ein traumhaftes Bett in meinem Luxuszimmer, das richtige Kopfkissen ausgesucht (es gab mehrere zur Auswahl) und schon schlafe ich wie ein Stein.

Es ist ungefähr halb sieben, als ich aufwache und sofort denke ich „Ab jetzt gibts Frühtsück!“. Da gibt es kaum noch ein Halten, also ziehe ich mich an, mache mich frisch und stapfe barfuß (wie immer, wenn ich eine Etappe geschafft habe) zum Frühstückraum. Da macht mich die sehr nette Wirtin drauf aufmerksam, dass ich bitte Schuhe anziehen solle - sie könne nie garantieren, dass nicht irgendwo ein Glassplitter herum läge. Recht hat sie. Also schlüpfe ich in meine Wanderschuhe und steuere meinen Tisch an.

Für 8,50€ gibt es ein riesiges Buffet: Wurst aus der Metzgerei ihres Bruders, Käse, verschiedene Brötchen, Brotsorten und fünf oder sechs Knäckebrotsorten. Dazu Süßes, Müsli zum Selbstmixen, Joghurt, Obst, Getränke… überwältigt lade ich mir die ersten Köstlichkeiten auf und trinke gierig den Kaffee. Lecker ist der und die zweite Kanne steht auch bald auf dem Tisch.

Während ich frühstücke unterhalte ich mich mit der Wirtin. Über Corona, die wirtschaftiche Lage des elterlichen Gatshofs, den Tod ihres Vaters vor 8 Wochen und über dies und jenes. Langweilig wird es mir nicht.

Und ich mag es, so viele Einzelheiten zu erfahren. Den Dorfschnack quasi.

Als die zweite Kanne Kaffee leer ist, packe ich zusammen und verabschiede mich. Im Zimmer nochmal schnell geduscht, gepackt und um 9 Uhr stehe ich wieder auf dem Weg und stapfe fröhlich in der Sonne los. Der Neckar fließt ruhig links neben mir, die Spinnenweben sind noch ganz und höchstens ein paar Hundebesitzer begegnen mir auf meinen ersten Kilometern.

Wieder mal Asphalt, da ich nach wie vor dem Radweg folge. Aber spätestens ab Neckarmühlbach wird es richtig schön. Der Radweg verläuft in der Nähe der Straße, aber mein Weg führt mich in einem großen Bogen entlang des Neckars auf einem Trampelpfad über die Wiesen.

Ich treffe auf einen sehr lustigen Kerl, der die Schilder am Fluss säubert. Mit seinem Kollegen fährt er mit einem Boot von Schild zu Schild und putzt diese. Wir ratschen etwas über Corona und wie gut ein sicherer Job in diesen Zeiten ist. Er grinst und sagt „Ich kann Boot fahren und bekomme noch Geld dafür.“. Da hat er Recht.

Sein „Guten Weg noch…“ nehme ich dankend an und marschiere weiter. Ich habe keine Ahnung, wie weit es nach Bad Wimpfen ist, aber auf der Karte sah es fast um die Ecke aus. Im nächsten Dörfchen muss ich ein Stück Bundesstraße ohne separaten Rad- oder Fußweg laufen. Links neben mir die Leitplanke und von vorne flitzen die Autos an. Zum Glück ist dieser Abschnitt nicht so lang und sobald es geht, schlüpfe ich auf den Schiffahrtsweg, der nur verfügbar ist.

Die nächsten Kilometer sind etwas langweilig - nur geradeaus, rechts die Straße, ich auf dem Radweg und Asphalt unter mir. Also Musik auf die Ohren und voran.

Endlich endet dieser dröge Radweg und ich kann wieder über Wiesen laufen. Zwar schnurgerade ohne jede Kurve, aber dafür teilweise schattig. Die Sonne lacht nämlich wieder den ganzen Tag und ich schwitze und trage Hut - und schwitze dadurch noch mehr.

Bald erhasche ich den ersten Blick auf die Bad Wimpfener Altstadt und Festung. Trotzdem dauert es noch ein gutes Stück, bis ich den Aufstieg zur Altstadt erreiche.

Die Knie haben bisher wieder wunderbar mitgemacht, keinerlei Schmerzen. Aber den Berg rauf… steil… naja… „Packen wir es an!“ denke ich mir und stapfe schnaufend das steile Wegelchen hinauf.

Endlos aufwärts und dann stehe ich vor dem Eingang zur Altstadt. Sieht ja echt nett aus hier, aber ich bin irgendwie kein Freund von diesen Städtchen. Unzählige Touristen schlendern lärmend (Schulklassen!) durch die Gassen, die Cafes sind gut besetzt und ich werde nicht warm mit den vielen Menschen. Der Weg zum Supermarkt zieht sich lang dahin und ich begegne unzähligen Schülern. Flugs kaufe ich, was ich kaufen wollte und suche mir einen alternativen Weg um den Altstadtkern herum. Am Ende lande ich irgendwo vor einer Kapelle und kann mich in den Schatten setzen. Etwas mampfen, etwas trinken und dann steht sie da, die große Frage: „Was nun? Wohin?“.

Bad Wimpfen ist das Ziel des Neckarsteigs. Vorhin hatte ich noch überlegt nach Heilbronn weiter zu laufen, aber ich habe keine Lust mehr. Auf Laufen schon, aber Heilbronn…? Was soll ich da…?

Ich suche lustlos nach Unterkünften. Marie, die nette Wanderin von gestern, empfahl mir ein Hotel im Ort, aber das ist ausgebucht. Die Preise sind gesalzen. Ich suche in der Umgebung, versuche zu klären, wie gut die Anbindung an mögliche Unterkünfte ist und irgendwie ist das alles so zäh.

Mein Wunsch wäre es, heute nach Zwingenberg zu fahren und dort erneut im Naturfreundehaus zu übernachten. Aber die ehrenamltich tätigen Naturfreunde bewirtschaften das Haus nur Sonntags. Unter der Woche werden nur Gruppen für Übernachtungen angenommen. Das fällt also raus.

Ich grüble, werde etwas missmutig. Nach Hause kann ich nicht, da Sina, meine liebe Katzenbetreuerin, noch eine Nacht in meiner Wohnung wohnt. Und nach Hause will ich auch gar nicht. Ich habe ja noch einen Tag. Aber wohin dann?

Und dann - plopp - kommt die Lösung: nach Hirschhorn in die lustige Monteurswohnung von der ersten Nacht (siehe oben). Ich rufe bei Frau Grimm an, sie erinnert sich und wir sind uns einig. Heute bekomme ich das große Doppelzimmer, natürlich wieder meine Kaffeeflatrate und alles ist gut.

Also suche ich die Verbindung nach Hirschhorn raus. Ganz schön kompliziert. Erst nach Bad Friedrichshall (was ein langweiliger Bahnhof), dann nach Mosbach (noch ein langweiliger Bahnhof) und dann nach Hirschhorn.

Auf der Fahrt kann ich nicht genug aus dem Fenster gucken. Sehe ich doch jeden Meter meines Weges der letzten Tage aus einer anderen Perspektive und im Schnelldurchlauf. Wow! So viel gelaufen, so viel gesehen und so viel geschafft.

Bald kommt Hirschhorn und ich trabe die rund 25min quer durch die Altstadt, vorbei ein sich räkelnden Katzen, über das Neckarkraftwerk hinüber und die Straße hinunter bis zum Bauhandel von Frau Grimm.

Die Begrüßung ist wieder sehr herzlich und sie betont ausdrücklich, dass ich so viel Kaffee trinken darf, wie ich will. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und so gibt es vor, während und nach dem Duschen Kaffee :)

Danach setze ich mich an den Neckar, lese mein Buch und schlürfe weiteren Kaffee.

Morgen werde ich wohl noch ein paar Kilometer dem Neckar - nun flussabwärts - folgen und nach Neckarsteinach stapfen. Ich kann auch dort in die S-Bahn steigen. Warum also nicht noch ein bisschen wandern. Es macht so Spaß…

Toll war es. Ich bin froh, dass meine Knie die letzten zwei Tage völlig ok waren, keine Schmerzen machten und ich einfach unbeschwert laufen konnte.

Muskeln habe ich auch ein paar aufgebaut: die Beine fühlen sich kräftiger an, die Arme auch (vom Stockerln). Ich bin braungebrannt, entspannt und glücklich. Bewegung, wandern, nur auf Grundbedürfnisse achten und nur mit mir selbst klar kommen - das ist herrlich.

Meine Geschichte neigt sich nun dem Ende. Auf dem Heimweg bin ich ja schon. Also schließe ich mit ein paar Gedanken…

Der Neckarsteig ist ein Steig. Der heißt so, weil man da steigen muss. Ich hoffe, ich merke mir das mal.

Meine kleinen und großen Erleuchtungen hatte ich - auch deshalb kann ich nur empfehlen: geh wandern, ein paar Tage, ganz allein. Macht den Kopf frei und dann füllt der sich von selbst mit kleinen und großen Aha-Momenten. Saubere Arbeit, Kopf. Danke Dir.

Knie… Knie sind schon so komische Teile. Aber ich mag sie. Sie haben mir deutlich gezeigt, was sie nicht wollten. Aber danach gaben sie Ruhe.

Daher ist auch meine größte Lehre aus der kleinen Tour: weitermachen. Schlau anpassen an die Gegebenheiten. Wenns nicht mehr aufwärts und abwärts geht, gehts noch eben weiter. Aber nicht aufgeben. Jeder Meter mit Schmerzen war schön und jeder Meter ohne Schmerzen war schön. Hey… das klingt gut.

Also - zusammegefasst heißt das für mich: „Tuts weh, is schä… tuts gut, is jut.“

Guten Abend.

Update:
Zur Zeit wohnen hier zwei Monteure. Ein Dauergast - seit fünf Jahren wohnt er Montags bis Freitags hier - und ein Kranführer, der für 10 Tage in einem Tierpark zu schaffen hat.

Rainer, der ganz schön runde End-Fünfziger, klärt gleich das wichtigste zu Beginn: „Wir haben uns drauf geeinigt, im Sitzen zu pinkeln. Ich laufe nicht gerne durch fremdes Urin.“. Da ich eh Sitzpinkler bin, passt das gut.

Er hat viel erlebt, war überall eingesetzt. Ein paar Monate arbeitete er in West-Berlin und schwärmte vom „Bierhimmel“, einer Kneipe:. „Unten die Kneipe, in der Mitte der Puff und oben war meine Monteurswohnung.“. Unzählige Abende hat er wohl im Bierhimmel verbracht - und ich meine die Kneipe und das Ergebnis einer durchzechten Nacht.

Die beiden wollen früh raus, gehen daher auch früh ins Bett. Und ich merke mir:
Monteurswohnungen sind super. Kein Lärm und alle wollen, dass es stressfrei läuft und sauber bleibt. Und günstig sind sie obendrein. Gut so.

Gewanderte Strecke
Von Haßermsheim nach Bad Wimpfen.

15km

23.09.2020: Heimwärts

Die Nacht im Monteurszimmer war gut. Kein Güterzug vermochte mich zu wecken. Nur die Monteure, die um 6 Uhr die Wohnung verlassen, wecken mich auf.

Gut so. Ich hole mir direkt einen Kaffee :) Dann bastel ich ein bisschen am Blog und statte die Artikel mit Bildern aus. Nach ein paar weiteren Kaffees plane ich kurz, wie ich laufen werde. Einfach auf dieser Neckarseite bleiben und nach Neckarsteinach wandern. Das sind so ca. 11km und Mittags kann ich dort in die S-Bahn nach Hause steigen.

Also packe ich meinen Kram zusammen, springe nochmal unter die Dusche und schon gehts um kurz vor neun los. Auf dem Neckar herrscht reger Schiffsverkehr aber nach zwanzig Minuten Fußmarsch stehe ich im Wald. Rechts, weiter weg, fließt der Neckar, der Schotterweg ist rechts wie links von Bäumen gesäumt und ich komme zügig voran. Die Knie sind total entspannt und ich genieße die Waldluft.

In Neckarhäuserhof sehe ich die Fähre und wundere mich: dass die noch fährt? Aber am Fährhäuschen werde ich aufgeklärt: die Fähre steht unter Denkmalschutz und so tuckert sie immer wieder quer über den Neckar. Viel ist nicht los, aber schön, dass es sowas gibt.

Der Weg zieht sich, ich laufe teilweise auf Straßen und teilweise auf Schotter. Radler überholen mich immer wieder oder kommen mir entgegen.

Und schon erreiche ich die Werften in Neckarsteinach. Noch um die Flussbiegung herum und ich sehe das Kraftwerk mit der Brücke, die ich am ersten Tag vom Dielsberg kommend bereits überquerte. Heute wieder.

Die letzten Minuten zum Bahnhof vergehen wie im Fluge und keine zwanzig Minuten später sitze ich in der Bahn.

In Hochstätt steige ich aus und laufe den längeren, aber schöneren Weg nach Hause. Gegen 13 Uhr komme ich an und werde von meinem Kater freudig begrüßt. Nun heißt es auspacken, wegräumen, Waschmaschine anschmeißen und sich über die kleinen Aufmerksamkeiten von Sina freuen.

Ich bin daheim.

Sechs wunderschöne Tage war ich unterwegs, die Strecke messe ich demnächst noch aus. Viele Stunden bin ich gewandert. Einge davon unter Schmerzen. Und es war schön.

Fertig. Danke fürs Mitkommen im Kopf.

Guten Mittag.

Gewanderte Strecke
Von Hirschhorn immer am Neckar entlang nach Neckarsteinach.

11km


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